Aus Liebe zum Sport

Nach meinem letzten Triathlon 2017 hatte ich keine Lust mehr einen Blog zu schreiben. Verletzungssorgen beim Laufen und unfassbar asoziales Windschattengefahre der Konkurrenz waren nichts womit ich mich noch nachträglich beschäftigen wollte. Am letzten Sonntag hat ein wunderbares Event meine Lust etwas aufzuschreiben wiedererweckt.

 

Fährt man vom Allgäu aus durch Österreich, Italien, die Schweiz und schließlich wieder nach Italien kann man ein kleines Örtchen namens Bormio erreichen. Einige Hotels und Restaurants, eine nette Altstadt, Aussicht auf schneebedeckte Berge und natürlich die Möglichkeit zum Skifahren. Für Zweiradfahrer ist die größte Attraktion allerdings eine endlose Asphaltschlange am Nordausgang des Ortes. Vorbei an Wasserfällen, durch kleine Tunnel, zum fast ganzjährig eingeschneiten Gipfel führt der zweithöchste Gebirgspass der Alpen. Passo dello Stelvio/Stilfser Joch. Ein Name und man hat epische Bilder im Kopf. Der Film vor dem inneren Auge bekommt einen Sepia-Filter und man sieht sich schindende Radfahrer vorbeifahren. Mit vier Jungs aus der neuen Heimat bekam ich die Chance kurzfristig zu einem Radrennen dorthin zu reisen. Santinis Gran Fondo Stelvio. Die Langdistanz ist mit 151 Kilometern und 4400 Höhenmetern ausgeschrieben und die letzten 44km gehen praktisch durchgehend bergauf und das alles in einer malerischen Kulisse. Zutaten für ein besonders hartes Abenteuer. Aber nicht nur wegen Natur und Nahtoderfahrung war ich am Start. Neben der, nach wie vor ungebrochenen, Freude am Exzess auf zwei Rädern war es die Lust auf ein Rennen nur aus Spaß. Der Druck war, im Vergleich zu den Saisonhighlights der letzten Jahre, praktisch nicht spürbar. Morgens ausgeschlafen einen italienischen Espresso schlürfen, während Anderen buchstäblich der Angstschweiß ins Müsli tropft, hatte etwas Erholsames.

 

 

6:30 Uhr – rein in die Startbox. Das Rennen beginnt mit einem Massenstart in der Altstadt. Die Sonne erleuchtet die Berge, während die Straße vor mir noch im langen Schatten der selbigen liegt. Zeit zum Lustwandeln auf Goethes Spuren bleibt aber nicht, denn wir vier (Wahl-)Allgäuer wollen bis zum ersten Pass zusammenbleiben und außerdem um die beste Bruttozeit fahren. Aus Sicherheitsgründen gilt für das offizielle Ergebnis nur die Summe der Auffahrtszeiten. Bei 3000 (Über-)ambitionierten Startern aus 40 Ländern wohl die bessere Idee. Wir Jungs „verbaten“ uns Ausruhen auf Abfahrten und ausgiebiges Schlemmen an Verpflegungsstellen. Für die ersten 45 km verbuchen wir einen 49er Schnitt – ja nice! Fahren im Feld, Begleitmotorräder, auf seine „Teammitglieder“ achten, beidseitiges Umfahren von Kreisverkehren – Tour de France Feeling für Normalsterbliche. Im ersten Aufstieg zerlegt sich das Feld (und einige Athleten per Nicht-Anerkennung der eigenen Limits gleich mit). 

Danach beginnt das Rennen wirklich. Mitfahrer Markus und ich halten uns in der Spitzengruppe auf, als nach ungefähr der Hälfte der Strecke der erste Scharfrichter wartet. Mortirolo. Das sind acht sehr steile, gefolgt von drei absurd steilen Kilometern. Rampen auf altem Beton mit weit über 20% in der Spitze. Alberto Contador trat mit einer Mountain-Bike-Übersetzung an, als der Giro hier Halt machte. Bei mir kommen inzwischen fünf Atemzüge auf eine Kurbelumdrehung. Das Vorderrad lupft von selbst vom Boden, wenn man es nicht aktiv nach unten drückt. Die Alternativen sind: So hart fahren wie es geht oder Zurückrollen und Umfallen. Hechelnd und mit einer lächerlich niedrigen Trittfrequenz wuchte ich mich den über einstündigen Anstieg hinauf

 

Es folgt eine Abfahrt und von da an geht es nur noch leicht bis stark bergauf bis ins Ziel auf 2750m Höhe. Lange 44km lang.

 

 

Der eigentliche Schlussaufstieg beginnt mit einer stimmungsvollen Ortsdurchfahrt auf Kopfsteinpflaster. Serpentine für Serpentine geht es weiter, vorbei an teilweise schiebenden Athleten der kürzeren Strecken, und vorbei an traumhaften Aussichten. Es tut weh, verdammt weh. Die Beine krampfen und die Speicher sind schon lange komplett leer. Cola hält mich am pedalieren – so gerade. Der Bewuchs am Streckenrand wird weniger, der Schnee wird mehr. Am Ende brauche ich 1 Stunde und 45 Minuten für den Schlussaufstieg. Das sind gerade etwas mehr als 10 km/h im Schnitt. Wo ich am Ende lande weiß ich gar nicht. Von uns Vieren werde ich Zweiter. Auch das interessiert eigentlich nur am Rande. Was zählt: Eine geile Erfahrung geteilt und alles gegeben zu haben, einfach so, aus Liebe zum Sport.

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