IRONMAN Mallorca - Die Stakeholderanalyse

Ein Langdistanzstart ist ein umfangreiches Projekt an dem, außer dem Starter selbst, immer viele Personen Anteil haben. Die Welt dreht sich für den Athleten in erster Linie um Triathlon und in zweiter Linie um ihn selbst. Da der IRONMAN Mallorca nicht nur ein wichtiges Rennen, sondern auch das letzte Rennen der Saison 2015 war ziehe ich mit diesem Blog einen Schlussstrich und sage Danke an alle die für das Finish meiner sechsten Langdistanz mitverantwortlich waren. Ein Grund für die große Zeitspanne zwischen Zielschluss in einer berauschten Nacht Ende September und Erscheinen dieses Eintrags ist vor allem der angestaute Frust über das Ergebnis. Außerdem fehlte mir die Inspiration einen interessanten Bericht zu schreiben. Es folgt die rudimentäre Anwendung von universitär erworbenem Halbwissen der Betriebswirtschaftslehre: Die Stakeholderanalyse zum IRONMAN Mallorca.

Wikipedia notiert: „Als Stakeholder [ˈsteɪkhoʊldɐ] (engl. ‚Teilhaber‘)[1] wird eine Person oder Gruppe bezeichnet, die ein berechtigtes Interesse am Verlauf oder Ergebnis eines Prozesses oder Projektes hat.“

Training mit Master Johann, der am Renntag bis zu einem fatalen Defekt lange führte.
Training mit Master Johann, der am Renntag bis zu einem fatalen Defekt lange führte.

 

Matthias Epping der Hobbysportler

 

Klar, die Welt dreht sich um Triathlon und die Triathlonwelt dreht sich um…? Ja Genau: Um mich! Das habe ich oben geschrieben und so beginnt die Stakeholderanalyse mit der wichtigsten Person des Projekts. Was will Matthias Epping der Hobbysportler eigentlich von einem Wettkampf?

Ein guter Anteil meiner Motivation Triathlon zu betreiben besteht darin schöne Erfahrungen zu sammeln. Das beinhaltete in den letzten Jahren immer wieder neue Leute kennenzulernen, neue Orte zu sehen und das Leben zu genießen. In dieser Hinsicht bin ich voll auf meine Kosten gekommen. Der Trip auf die Insel begann nämlich bereits eine Woche vor dem Start am 26.09.2015. Die ersten Tage wohnten Jenny und ich mit meinem alten Bekannte David und seiner Freundin in einer 700 Jahre alten Finca in den Bergen. Nun kannte ich die Finca bereits aus 2013, dennoch ist ihr Charme nach wie vor unvergleichlich. Die ersten Tage der Akklimatisierung vergingen wie im Flug und ich vergaß zwischendurch beinahe, dass ein großes Rennen vor der Tür stand. Gutes Training, gutes Essen, kurze Wanderungen und Ausflüge, dazu jede Menge Entspannung mit gehaltvollen Unterhaltungen bei bester Aussicht aus das Mittelmeer – was will man mehr im Urlaub?

Neue Erfahrungen können aber auch bedeuten, dass man hart auf die Schnauze fällt. Unter dem Gesichtspunkt der Unterkunft konnte das Kontrastprogramm kaum extremer sein. Nach fünf Tagen ohne elektrischen Strom in einer alten Olivenölmühle ging es zwei Tage vor dem Rennen runter in den Touristenort Port d´Alcúdia. Beim Betreten des Hotels konnten wir Bestaunen wie gerade das demolierte Interieur eines Zimmers nach draußen verfrachtet wurde. Die Bewohner des riesigen Hotelkomplexes bestanden leider zu 90% aus trink- und pöbelwilligen Briten mit widerlichen Knasttattoos. Kaum zu glauben, dass das die gleichen Landsleute sein sollen die mir 2013 eine so tolle Zeit bereitet haben. Im Bellevue Club traf sich leider der Abschaum zum Randalieren, Strandliegenkrieg führen, Rauchen und allgemein asozialem All-Inclusive Tourismus. Nächtliche Lärmbelästigung und schlechte Tischmanieren inbegriffen. Auch sonst konnte das angebliche Drei-Sterne Hotel nicht wirklich punkten. Ratten auf dem Gelände, Krabbelgetier im Badezimmer, 80er Jahre Mobiliar, kein W-Lan und unterirdisches Essen. Die vielen Angebote für Glückspiel und die hauseigene Go-Kart Bahn (!) interessierten mich auch nicht wirklich. Wir nahmen es mit Humor und verbrachten so viel Zeit wie möglich außerhalb der 17 Hochhäuser umfassenden Anlage, was leider ins Geld ging. Dennoch, unter lustiger Erfahrung kann man es schon verbuchen, denn diese klischeehafte Seite von Mallorca habe ich in meinen vielen Aufenthalten nie kennenlernen dürfen.

Aus der Erlebnisperspektive war auch der Wettkampf durchaus gelungen. Eine traumhaft schöne Schwimmstrecke mit entspanntem Rolling-Start, der tatsächlich für Entzerrung sorgte, und eine ebenso schöne Radstrecke verdienen Höchstwertungen. In der ersten Disziplin war es besonders das klare Wasser, der weiche Sand und viele bunte Fische, die Wellnessfeeling aufkommen ließen. Auf der Straße freute sich der geneigte Triathlontourist über Topasphalt und die Schönheit des zum UNESCO Welterbe gehörenden Tramuntanagebirges. Auch die Laufstrecke sorgte mit vielen Zuschauern und seinem langen Strandabschnitt für Spaß.

Abgerundet wurde der acht Tage dauernde Trip nach dem Wettkampf mit einem Ausflug zum Cap Formentor und einer Wanderung in eine einsame Bucht. Dort hatte ich zwar zum dritten Mal innerhalb weniger Tage schmerzhaften Kontakt mit einer Feuerqualle, das Schwimmen und Entspannen an einem karibisch anmutenden Strand entschädigte aber für die kleinen Narben die ich zurückbehalte.

Der Hobbysportler in mir kann also zufrieden sein mit der Reise und dem Wettkampf.

Support Crew
Support Crew

 

Freunde, Familie und Coach

 

Logischerweise geht es ohne nicht. Tägliches Training, Stimmungsschwankungen nach schlechten Ergebnissen (*hust hust*) und die allgemeine Ausrichtung auf den Sport fordern ihren Tribut. Umso schöner, dass neben meiner Freundin auch ein alter Bekannter den Weg zum Wettkampf am Mittelmeer gefunden hat. Mein Weggefährte Philipp sorgte für ordentlich Schub im Rennen und anständige Zerstreuung nach dem Wettkampf. Am Wichtigsten für die Angehörigen ist aber zunächst mal das gesunde Finish. Zwar hab ich es auf der Abfahrt vom Kloster Lluc ordentlich krachen lassen, aber kopflos wie früher wird nicht mehr gefahren und trotz einiger Versorgungsprobleme im Marathon war meine Gesundheit nie gefährdet. Auch wenn Coach Zeller sicher nicht mit meiner Performance zufrieden sein kann, so hat er das seinige sehr gut erledigt. Denn so easy wie in den ersten Septemberwochen bin ich noch nie Koppelläufe gelaufen. 20km im 3:30-4:00min Tempo waren kein Problem. An ProAthletes hat es sicher nicht gelegen. Die Analyse sagt: Volle Punktzahl!

 

 

Physiotherapeut Christian André

 

Christian Andre möchte ich hier nicht unerwähnt lassen. Wenn man sich vor Augen hält, dass ich neun Monate vor dem Rennen weder laufen noch mehr als 20km Fahrrad fahren konnte ohne, dass der Fuß oder das Knie zu schmerzen begann, so kann eine Saison mit zwei Langdistanzfinishes auf jeden Fall als erfolgreich gesehen werden. Zwar gab es immer wieder Wehwehchen und hohe Gänge treten ging auch in der Vorbereitung für Mallorca nicht immer ohne Schmerzen, aber insgesamt war die Wiederherstellung meiner Form, nach über einem Jahr Verletzungssorgen, ein Erfolg.


Sponsoren


Dank gilt natürlich auch meinen Ausrüstern und Sponsoren. Gutes Material ist wichtig, denn es lässt einen ruhig schlafen. Mit dem Tri11 AIR ging es weit vorne aus dem Wasser und auf dem Rad trieben die LEEZE CC88 unaufhaltsam vorwärts. Auf einem Kurs der wellig ist, der aber auch mit einem knapp 15 km langen Berg aufwartet, braucht man am besten die eierlegende Wollmilchsau. Aerodynamisch genug auf den Drückerstücken, leicht genug zum Klettern und zuverlässig auf der Abfahrt was Brems- und Steuerverhalten, sowie Hitzeentwicklung angeht. Zum Glück sind die Teile einfach auffällig unauffällig und meistern jede Fahrsituation problemlos. Ebenfalls variabel reagieren kann ich mit dem Speedairo Helm von CASCO. Für meinen wackeligen Kopf eignete sich die runde Form mit adaptiver Aerodynamik bestens und in Mallorca bei 28 °C und Sonne besonders angenehm war, dass ich das Visier während des langen Anstiegs nach Lluc einfach hochschieben konnte. Da ich nach dem Rad fahren auf einem Toprang lag und somit das Material unter den Profis präsentieren konnte, dürfen die Ausrüster zufrieden sein und einen Laufpartner welcher hätte enttäuscht sein können habe ich nicht - doch dazu mehr im nächsten Abschnitt.

(Kleine Materialepisode am Rande: Dank zweier Platten wenige Minuten vor dem Check-In war ich der letzte von 2300 Starter der eingecheckt hat. Um 19:00 Uhr schloss die Wechselzone und ich habe sie um 19:02 Uhr verlassen. So viel zum ruhigen Schlaf.)

 

Matthias Epping der Leistungssportler

 

Soweit eigentlich alles gut, oder? Wäre da nicht der Umstand, dass ich eigentlich im Vorhinein nicht vor hatte mir für ein Finishershirt monatelang den Arsch aufzureißen. Von den Trainingsergebnissen her hatte ich ursprünglich mit Sub9 und einem Platz nahe an den Top10 geliebäugelt. Meine Prognose lautete: „Schwimmen ging schon mal besser, Rad fahren ging schon Mal schlechter und gegen mich auf meiner Lieblingsinsel zu Laufen wird für die Konkurrenz hoffentlich keine Freude werden“. Irgendwie kam es total anders. Schwimmen lief bombastisch gut, sodass ich in knapp 51 Minuten wieder Boden unter den Füßen hatte und das ohne mich nennenswert angestrengt zu haben. Damit war ich unter den allerschnellsten Amateuren und schneller als viele der, allerdings ohne Gummipelle schwimmenden, Profis. Das Radfahren lief auch sehr gut, zu gut eigentlich. Bis zum Anstieg gab es keinerlei Probleme, erst eine eingeklemmte Kette kurz vor der Kuppe brachte mich aus dem Rhythmus. Danach dauerte es etwas bis ich ihn wieder fand, aber unterm Strich hat mich das Beheben des Defekts nur knapp zwei Minuten gekostet. Ich konnte eine schnelle Agegroupzeit fahren, führte nach dem Radfahren souverän bei den Altersklassen und hatte einige der sieben Minuten vorher gestarteten Profis eingesammelt. Dabei war ich durchaus verhalten gefahren. Hierzu ein kleines Rechenspiel. Meine normalisierte Leistung lag bei 253 Watt, wenn man diese jetzt durch meine im Labor gemessenen Schwellenleistung (352 Watt) teilt erhält man den sogenannten Intensity Factor. Für Mallorca und meine Radsplit ergibt sich 0,72. Die Lehre sagt: Im Ironman kann ein sehr gut trainierter Athlet bis zu 0,8 vertragen ohne den Wandertag zu provozieren. Es zeigt sich das die siegbringenden Radsplits, zum Beispiel auf Hawaii, immer im Bereich von 0,77 bis 0,8 liegen. Darüber hinaus lag mein 2s Peak bei nur 543 Watt und im Anstieg nach Lluc habe ich konstant zwischen 300 und 330 Watt getreten. Alles in allem also sehr gelungenes Pacing, was sich eigentlich in einem schnellen Marathon hätte niederschlagen müssen. Auch die Sitzposition war Dank vermehrtem Athletiktraining und neuen, passenden Armauflagen endlich stabil, sodass ich dieses Jahr das erste Mal ohne Rückenschmerzen vom Rad gestiegen bin. Zum schnellen Marathon kam es aber leider nicht. Zwar lief ich die ersten 20km noch im anvisierten 4:15er Tempo, mir war aber nach dem ersten Gel schon klar, dass es heute kein guter Tag würde. Es folgte in der zweiten Hälfte leider wieder eine Kopie vom Ostseeman. Hungerast und Magenkrämpfe wechselten sich ab und so bin ich leider große Teile der zweiten Hälfte heimwärts spaziert.

(Bild: Allen; Coggan: Wattmessung im Radsport und Triathlon (spomedis))
(Bild: Allen; Coggan: Wattmessung im Radsport und Triathlon (spomedis))
Finishlineparty. Freibier!
Finishlineparty. Freibier!

 

Konkurrenten

Ach ja, Konkurrenten gab es ja auch. Im Sinne des Stakeholderansatzes gelten sie als passive Stakeholder, das aber nur als Angeberwissen am Rande. Die meisten dürften sich über mein Versagen gefreut haben. Insbesondere die beiden Spaßvögel die 110km in meinem Windschatten gefahren sind, nur um mich am Ende der Radstrecke stehen zu lassen und easy unter 9 Stunden zu finishen. Platz 72 insgesamt und Platz 9 in der Altersklasse sind nun leider nicht der Rede wert und einen Hawaiiplatz, geschweige denn einen Top15 Platz, habe ich niemandem weg genommen.

 

 

Das-Glas-ist-halbleer Fazit: Alles für die Katz! Ich habe sehr viel Geld investiert (Ist mein Konto ein Stakeholder?) um nach dem verkorksten Ostseeman und einem hoffnungsvollen Sieg in Hückeswagen endlich eine Langdistanz angemessen ins Ziel zu bringen und das hat wieder nicht geklappt.

 

 

 

 

Das-Glas-ist-halbvoll Fazit: Außer dem Ergebnis, das ausschließlich auf den letzten 21 Laufkilometern so zu Stande gekommen ist, stimmte eigentlich alles. Im Schwimmen, Rad fahren und im Laufen bin ich mit Profiathleten konkurrenzfähig und während andere Leute ganz andere Probleme im Leben habe, habe ich das Privileg den geilsten Sport überhaupt ausüben zu dürfen!

Fotos: Finisherpix; privat

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Kommentare: 1
  • #1

    Christoph (Freitag, 13 November 2015 07:54)

    Auf der Laufstrecke ein paar Frikadellen, Matjes oder Leberwurstbrötchen (oder etwas noch besser geeignetes für den Magen) und 2016 wird Dein Jahr!
    Wir wissen, dass Du es drauf hast!

    schreibt ein Stakeholder (Support 2016 zugesagt!)

Events

 

 

31.12.2016

Silversterlauf Krefeld

8,1

3. Platz

 

28.01.2017

INDOORMAN

0,275 - 5 - 1,5

1. Platz (Durchgang 1)

3. Platz (Team)

 

06.08.2017

Ostseeman

3,8 - 180 - 42,2

 

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