Wales - das brutalere Roth

Ungefähr 20x5m groß hing ein Banner an der Steilküste von Tenby. Unter dem IRONMAN Schriftzug stand: "Anything is possible!". Ziemlich abgedroschen und eigentlich nicht meine Art mich zu motivieren. Doch nach drei Rennstunden beim IRONMAN Wales waren es genau solche Sprüche die mich zum weiter machen bewegten. Abgedroschene Sprüche wie: "Das Rennen ist erst an der Ziellinie vorbei!", oder "Jeder hat Tiefpunkte im Rennen, aber man kommt immer wieder...".
Wie gesagt beziehe ich meine Motivation eher nicht aus solchen "kernigen" Sprüchen, sondern aus der Freude am Trainingsprozess, aus dem Glück den besten Sport der Welt, mit Freunden, an tollen Orten auf einigermaßem hohen Niveau ausüben zu dürfen, oder einfach weil ich mir beweisen will, dass ich stärker bin als Otto Normalfernsehgucker.

 

 

Die Art wie dieser längste Sporttag meines Lebens begann war aber alles andere als erfreulich.
Der Zugang zum Schwimmstart ist, bedingt durch die Topografie, nur über eine sehr schmale Rampe möglich. Da ich vor dem Start eher der entspannte Typ bin stand ich nicht wirklich vorne und erreichte das Wasser so erst wenige Minuten vor dem Start. Im dichten Gedränge war Aufwärmen kaum möglich und für einschwimmen fehlte die Zeit. Der erste Grund dafür, warum mir der Rhythmus irgendwie total fehlte und ich hinten raus sogar einbrach. Der zweite Grund war ein Missgeschick, was mir eine kurze Panikattacke einbrachte. Durch den Wellengang war ein Fischerboot ein Stück in die Schwimmstrecke gespült worden und beim Ausweichen wickelte sich eins seiner Ankerseile um meinen Oberkörper. Trotz eigentlich famoser Schwimmform erreichte ich erst nach 55 Minuten wieder den Strand. Völlig indiskutabel, vor allem wenn man sieht, dass ein Dani Niederreiter mit dem ich beim Waldviertel Eisenmann noch zusammen geschwommen bin fast fünf Minuten auf mich rausschwamm und ich selbst von Michi Göhner, den ich in Heidelberg noch distanzieren konnte, mehrere Minuten kassierte. Die Moral war also ziemlich im Keller und es gab auch zunächst keinen Grund, dass sich diese bessern sollte.

In der Wechselzone hatte ich massive Probleme auf dem Asphalt mit meiner Schnittwunde zu laufen, dennoch war die erste Wechselzone ein Erlebnis. Durch den oftmals heftigen Wellengang wurde das Schwimmen in die geschütztere Bucht des North Beaches verlegt, was aber dazu führt, dass der Weg zum Rad über einen Kilometer beträgt. Nach dem Schwimmen Laufschuhe anzuziehen und unter dem Jubel des gesamten Ortes zum Wechselzelt zu laufen war eine besondere Erfahrung.

Für die Raddisziplin zog ich mir ein Rad Trikot und die Skinfit Vento Weste über. Eine gute Entscheidung, denn es hatte morgens noch unter 10°C und es sollte nicht viel wärmer werden und außerdem noch heftig zu regnen beginnen.

 

Für einen Moment fühlte ich mich zurück im Rennen. Doch nach wenigen Kilometern bemerkte ich, dass meine Sattelstütze zu rutschen begann. Hätte ich mal den Mund nicht zu voll genommen und über die "schrottreifen" Räder der Konkurrenz gelästert. Jetzt saß ich eine Etage tiefer und sah meine Felle davonschwimmen. Als Erklärung bleibt nur der Starkregen über Nacht, der vielleicht die Montagepaste nutzlos gemacht hat, oder der Transport im Auto der die Klemmung gelockert haben könnte. Doch damit nicht genug. Als ich noch so darüber sinnierte wie ich das Problem lösen könnte fuhr ein Marshall vorbei und gab mir "on the fly" eine Zeitstrafe. In dem Moment fuhr ich in einem leichten bergauf Stück ungefähr acht Meter hinter einem Konkurrenten. In Anbetracht dessen und der sehr kurzen Beobachtungszeit des Offiziellen eine fragwürdige Entscheidung. Ich möchte aber niemandem einen Vorwurf machen. Das ist wie im Fußball. Wenn ich meinen Gegner im Strafraum leicht berühre und dieser dankbar fällt, darf ich mich auch nicht beklagen wenn der Schiri Elfmeter gibt. Da hilft nicht, dass die meisten Kampfrichter die Zeitstrafe nicht gegeben hätten. Wenn ich keine Zwangspause in der zweiten Wechselzone will muss ich halt immer auf zehn Meter fahren. Punkt.

Schlechtes Schwimmen, Sattelstütze reingerutscht, Zeitstrafe, doch die Talsohle war noch nicht durchschritten, denn nachdem ich mich von dem Konkurrenten abgesetzt hatte bog ich in einer Abfahrt falsch ab. Durch die vielen Regentropfen die mir entgegenpeitschten hatte ich nicht erkannt, dass es rechts in einen Feldweg ging und die Radstrecke wohl auch in Wales durchgehend asphaltiert sein dürfte und somit links die einzig richtige Wahl gewesen wäre. Nach diesem Ausflug in die Bontanik, bei dem ich fast über den Lenker ging und der mich eine weitere Minute kostete war die Stimmung endgültig im Keller und der Gedanke ans Aussteigen war da. Die negativen Vorfälle der ersten Stunden konnten aber nicht darüber hinweg täuschen, dass meine Beine wirklich gut waren. Gemeinsam mit den angesprochenen Sprüchen und ein paar mentalen Tricks fand ich nach 100km Rad zurück ins Rennen. Zu diesem Zeitpunkt holte mich Jo Spindler ein und ich nahm seinen Rhythmus auf und gemeinsam fuhren wir einen Athleten nach dem anderen auf. Nach 140km konnte ich mich in einer der tausenden Rampen auch von ihm absetzten und fuhr den Rest der 180km langen und 2400 Höhenmeter schweren Radstrecke alleine. Außerdem hatte die Sattelstütze zum Glück nach ca. 1,5cm aufgehört zu rutschen und Boss Nedim hatte mir durchgegeben, dass ich in den Top10 lag und die Altersklasse anführte - es lief also endlich Rund. Die gute Position verlor ich dann natürlich in der Penaltybox.

Trotz des kleinen Problems war das Volt das perfekte Rad für diese Strecke. Ich hatte kurz über Xenon statt Volt nachgedacht. Mit seinem ausgeglichenen Fahrverhalten war das Volt aber klar die beste Wahl!

Die Radstrecke war mit ihren vielen Anstiegen und verwinkelten Abfahrten aus denen man keinerlei Schwung mit in den nächsten Anstieg nehmen kann schon nicht leicht, aber den Marathon empfand ich als noch fieser. Zu Grunde lag auch eine falsche Ableitung meinerseits. Die Marathonzeiten waren in den vergangenden Jahren vergleichbar mit anderen Strecken gewesen, daraus hatte ich geschlossen, dass die Laufstrecke eher flach ist. Weit gefehlt, denn in den letzten Jahren waren nur knapp 39,5km zu laufen gewesen. Dieses Jahr war die Strecke auf die vollen 42,2 ausgeweitet geworden, dadurch schlugen sich die knapp 600 Höhenmeter massiv in den Oberschenkeln und auch in den Laufzeiten nieder. Meine Moral war jedoch endlich richtig gut und auf den ersten 25km begann ich langsam aber sicher wieder Gegner einzusammeln. Auch immer mehr Profis stiegen aus (meist kurz nachdem ich sie überholt habe) und es konnte kaum besser laufen. Doch dann aus dem nichts: Bauchkrämpfe. Ich hatte das Tempo leicht erhöht und lief auf Platz sieben oder acht. Diese leichte Verschärfung gefiel meinem Magen aber überhaupt nicht und ich musste die Entscheidung treffen ob ich etwas aufnehme und riskiere mich zu übergeben, oder für eine halbe Stunde die Zufuhr unterbreche und hoffe, dass es auch so weitergeht. Die Entscheidung fiel auf Zweiteres und prompt gingen mir die Lichter aus: Hell, dunkel, hell, dunkel, dunkel, dunkel - Shit! Ich stand am Streckenrand und massig überrundete Athleten zogen an mir vorbei. Ich versuchte einen klaren Gedanken zu fassen: "Ok...irgendwie zur nächsten Verpflegungsstation...egal wie...". Mir kam mein Lieblingssatz aus dem Ironmanregelwerk in den Kopf: "No form of locomotion other than running, walking or crawling is allowed.". Ich versuchte also irgendwie auf den Beinen zu bleiben um nicht in "crawling" wechseln zu müssen. An der Verpflegungsstation einmal mit Cola, Crackern und Gels abgefüllt kam die Power auch so schnell zurück wie sie gegangen war und die letzten Kilometer konnte ich wieder unter 4:30er Tempo laufen. Den Zieleinlauf erlebte ich wieder bei Bewusstsein und hatte sogar Kraft zu feiern, denn der IRONMAN Wales war ein besonders hartes und vor allem ein besonders schönes Rennen. Sieg in der Altersklasse, drittbester Amateur und zwölfter insgesamt. Dazu gelang mir eine sehr gute Radzeit, mit nur wenigen Minuten Rückstand auf die ganz schnellen Jungs.

Das Rennen wird mir aber nicht nur wegen eines guten sportlichen Resultats in guter Erinnerung bleiben. Wie ich im letzten Blog bereits angedeutet habe, waren die Stadt, die Leute und das Rennen von einer ganz besonderen Stimmung umgeben. Etwas ursprüngliches und abenteurliches. Unter den 1600 Athleten war sicherlich keiner der einen Ironman machen wollte um nachher mit seiner Endzeit prahlen zu können. Und wenn doch war dieses Projekt schon auf dem Weg in die erste Wechselzone gescheitert. Stattdessen traf man auf Leute auf der Suche nach einem ehrlichen Rennen und diese Leute waren zum Teil wirklich verrückt. Zum Beispiel ein Amerikaner der den Radkurs mit seinen 18% steilen Rampen mit einem Singlespeed in Angriff genommen und gefinished hat - 56x16 als einzige Übersetzung ist ne Ansage! Auch einige Locals hatten sich für ihren ersten Triathlon (!) gleich einen der wohl härtesten der Welt ausgesucht. Denn nirgendwo sind die Endzeiten bei einem IRONMAN langsamer und fast 400 DNFs sind einsamer Rekord.

Auf der Radstrecke wurden einige Teilnehmer mit Turnschuhen und Flattershorts gesichtet, offensichtlich die erwähnten Locals die einfach an ihrem Event teilnehmen wollten. Einfach wegen der Herausforderung und nicht um mit dem Material zu protzen. Da sage ich doch mal: "Well done - That´s the spirit!"

Überhaupt in der ganzen Region hieß es immer: "Our event".

Der Chef des Top Joes Restaurants erzählte uns, dass er den IRONMAN besonders liebt, weil wenigstens ein Mal pro Jahr Touristen kommen die Qualität schätzen. Unser Hotelchef fand nicht nur mit seiner Familie den Weg an die Strecke, er schoss auch fleißig Fotos von seinen Gästen und hatte Platzierungen und Splitzeiten parat. Es gibt vielleicht nicht so viele Zuschauer wie in Roth, dafür war die Region Pembrokeshire während des gesamten Tages in Ekstase. Da standen Schuljungs in Shorts und T-Shirt bei unter 10°C und Regen stundenlang an der Strecke und pushten jeden einzelnen Athleten. Diese Hingabe habe ich nirgendwo erlebt und kombiniert mit dem kleineren Starterfeld, der tollen Natur und der familiären Stimmung muss ich wohl sagen, dass der IRONMAN Wales durch die viel härteren Strecken das bessere, weil brutalere Roth ist.

Die Konkurrenz so vernichtend geschlagen, dass sie nicht mehr zur Siegerehrung erscheinen konnte
Die Konkurrenz so vernichtend geschlagen, dass sie nicht mehr zur Siegerehrung erscheinen konnte

Die Planungen für 2014 laufen bereits.
Ich möchte mich für diese Saison hier noch mal förmlich bei vielen lieben Menschen bedanken.

 

DANKE für die Unterstüzung 2013
meiner Freundin Jenny
meiner Familie

meinem Coach Nedim

meinem Verein und den netten Menschen in ihm

Jens, Markus, Mario (Skinfit)

René und Georg (Tri11)

Nico (Stevens)

Tim, Thomas, Florian (Radsport Weyers)

Cesar, Lenka, Max, Martina, Gerhard dafür, dass sie mich an Rennwochenenden beherbergt haben.
Fritz (Steuer)

und alle Leute die ich im Training oder in Wettkämpfen getroffen habe und ganz besonders bei allen Freunden die kein Triathlon machen!


Fotos in der Galerie. Inzwischen auch von den anderen Rennen hinzugefügt.

Als Dank an meine "Land"ausrüster hier noch ein kurzer Film!

Sponsorfilm_Matthias_1.wmv
Windows Media Video Format 22.4 MB

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Kommentare: 1
  • #1

    Manuel (Mittwoch, 18 September 2013 13:13)

    Super schöner Bericht! Macht wie immer Spaß zu lesen!

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31.12.2016

Silversterlauf Krefeld

8,1

3. Platz

 

28.01.2017

INDOORMAN

0,275 - 5 - 1,5

1. Platz (Durchgang 1)

3. Platz (Team)

 

06.08.2017

Ostseeman

3,8 - 180 - 42,2

 

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