Das Kettentattoo - Sündmal des Anfängers

Mir wiederfuhr es heute schon vor der Ausfahrt. Ich stand nichts ahnend neben meiner Maschine und montierte eine neue Armauflage (die alte war beim Sturz in Hückeswagen gebrochen). Dabei berührte meine Wade die 54 reißenden Zähne des großen Kettenblatts. Von einem auf die andere Sekunde war nichts mehr wie es gerade noch war. Die braungebrannte, tägliche rasierte und von zehntausenden Lebenskilometern gestählte linke Wade von jetzt auf gleich völlig entstellt.

In der Hierarchie der Rennradfahrer könnt ihr noch so weit oben stehen. In dem Moment wo dieses Stigma eure Waden ziert seid ihr Allerletzter. Noch hinter allen Hobby-, Alu-Rahmen- und Satteltäschchenfahrern. Alle Lutscher und alle diejenigen die mehr als 0,5l/100km trinken müssen, sie alle stehen in dem Moment sofort über euch. Eine Chance auf Rehabilitation besteht innerhalb der nächsten 500km nicht - ungeschriebenes Gesetz. Ihr dürft, solltet ihr euch aus unerfindlichen Gründen ein KT zuziehen, die 500km aber nicht einfach am Ende der Gruppe Absitzen. Nein, ihr müsst euch eure Ehre zurückerkämpfen. Im Straßenradsport gibt es auf diese, wie auf jede Problemstellung, nur eine Antwort...

Draufhalten bis das Laktat aus den Ohren kommt! Da euer Ruf sowieso ruiniert ist, gibt es zunächst keine ungünstigen Momente für Attacken mehr. Ortsschildsprints Innerorts, Haarnadelkurven schneiden, Antritt an der Verpflegung, Auslassen eines Kontrollpunkts auf der sonntäglichen RTF - Alles erlaubt! Hauptsache eure Mitfahrer sind am Ende der Ausfahrt so durch, dass sie verzweifelt den Radhändler oder Arzt ihres Vertrauens aufsuchen um die Schwachstelle an Mensch bzw. Maschine finden zu lassen.

Jetzt der umgekehrte Fall: Ihr begegnet jemandem mit den charakteristischen schwarzen Zacken auf dem Bein. Coolness ist oberstes Gebot. Gebt dem armen Würstchen ruhig das Gefühl die Ausfahrt wäre für euch nur Kompensationstraining zwischen einer der großen Landesrundfahrten, bzw. zwischen einem eurer fünf Langdistanzrennen im Kalender. Je profihafter euer Gehabe desto besser.

Triathlon- bzw. Radtraining zu betreiben heißt andauerndes Scheitern an den eigenen, zu hoch gesteckten, Ansprüchen. Nirgendwo anders finden sich mehr Hochstapler und Dummschwätzer als am Sonntagvormittag auf Deutschlands Landstraßen. Daher kann hier, sowie jederzeit, gar nicht dick genug aufgetragen werden. Ob der Beweis eurer Körperkraft auf der 200km Ausfahrt durch die Alpen mit Schnitt 30+ angetreten werden kann, oder ob eure Puls- und Milchsäurewerte an der ersten Rampe durch die Decke schießen, während sich Wattwerte umgekehrt proportional verhalten, ist absolut egal! Wichtig ist stets das hier und jetzt! Und da posiert es sich besser ohne als mit verschmierter Wade.

 

 

 

P.S.: Einziger Grund ein Kettentattoo spazieren fahren zu dürfen sind heftige, nicht selbstverschuldete, Stürze. Als einziger selbstverschuldeter Sturzgrund wird überhöhte Geschwindigkeit bei einer Attacke bergab akzeptiert. Dabei ist zu beachten, dass die zugezogenen, im Idealfall großflächigen, Wunden das optische Gesamtbild dominieren und damit die Schmach des Kettentattoos überstrahlen.

 

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Kommentare: 7
  • #1

    Philipp (Donnerstag, 02 September 2010 13:04)

    Like!

  • #2

    ChE (Donnerstag, 02 September 2010 14:16)

    ....das passiert auch lebensälteren Athleten mit Waden, die 100.000 km und mehr auf dem Buckel haben.

    Nur können die nicht so schön darüber schreiben.

    C.

    p.s
    Wahrscheinlich, da sie das Sonnenlicht seit 20 Jahren nicht oakley-gefiltert aufs Auge brennen lassen.

  • #3

    Manuel (Donnerstag, 02 September 2010 14:55)

    SKANDAL!

  • #4

    Niklas (Donnerstag, 02 September 2010 19:31)

    Also das mit den Alu Rahmen Fahrern war nicht nett!
    Das ist wohl ne Kampfansage für die nächste Radausfahrt/Bahntraining oder Ratingen ;)

    Wie immer richtig geil geschrieben!!!

  • #5

    Die Bleiente aka Bolt (Samstag, 04 September 2010 21:28)

    Ein rhetorisch perfekt inszenierter Affront gegen all jene Unerfahrenen, die beim vorsichtigen Schultern ihres liebgewordenen Straßengefährtes mit ihren "durch zu intensive Anwendung von Bräunungsverstärkern" schokoladenbraun gewordenen Waden die Kettenstrebe touchiert haben - Einfach nur SKANDALÖS, man stelle sich bloß die schwer entfernbaren Verschmutzungen auf den Kompressionssocken.

    -----------
    Geil geschrieben, aber dem Bräunungsbeschleuniger gebührt trotzdem eine kurze Erwähnung.

  • #6

    Jensen (Mittwoch, 08 September 2010 18:12)

    Ich denke so ein Beintatoo ist nur akzeptabel, wenn sich das Kettenblatt beim Sturz wirklich in die Wade gefräst hat und einen satten Rot-Schwarzen Abdruck hinterlässt.

    PS: Geh mal ans Handy oder ruf mich an!

  • #7

    Teofila Henegar (Mittwoch, 01 Februar 2017 17:57)


    Great article. I will be going through some of these issues as well..

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